Verständnis hilft
Seit 1999 wird am 9. September an die Menschen erinnert, die durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft geschädigt wurden. Das Datum steht für die neun Monate der Schwangerschaft.
FASD entsteht durch Alkohol in der Schwangerschaft und ist eine irreversible Schädigung des zentralen Nervensystems. Die meisten Betroffenen brauchen ein Leben lang Unterstützung. Ansehen kann man ihnen das nicht, und genau das macht den Alltag so schwer. Verständnis hilft.
Wenn die Wahrheit taumelt, zwischen Fabulation und Recht
Zum 9.9. hat das FASD-Fachzentrum Hamburg e.V. in die Patriotische Gesellschaft von 1765 eingeladen. Fast 200 Teilnehmende kamen. Im zweiten Jahr hat sich der Fachtag von einer Premiere zu einem festen Termin entwickelt, interdisziplinär besetzt, thematisch mutig und organisatorisch tragfähig.
Fabulation meint das unbewusste Erfinden von Erinnerungen: Lücken im Gedächtnis werden mit Schein- oder Phantasieerinnerungen gefüllt, ohne dass eine absichtliche Lüge vorliegt. Für die Frage, wie Menschen mit FASD bei rechtsrelevantem Handeln zu beurteilen sind, macht dieser Unterschied alles aus. In genau dieser Lücke arbeiten Fachkräfte aus Jugendhilfe, Schule, Justiz und Medizin täglich, und bislang gab es dafür kaum ein gemeinsames Forum.
Sechs Fachvorträge hielten den Tag von 9 bis 17 Uhr inhaltlich dicht: Prof. Dr. André Frank Zimpel, Prof. Dr. Selin Arikoglu, Cornelia Fornefeld, Erika Brauer, Oliver Hardenberg und Daniel Schmidt. Die Moderation von Prof. Dr. Michael Lindenberg sorgte für den roten Faden. Pädagogik, Psychologie, Forschung, Justiz und Soziale Arbeit saßen im selben Raum, und genau das ist bei FASD die Voraussetzung für Fortschritt.
Getragen wurde der Fachtag von der Martha Stiftung, der Pestalozzi Stiftung, der Kroschke Kinderstiftung und der Patriotischen Gesellschaft von 1765. Björn von Schlippe hat den Tag im Graphic Recording dokumentiert und damit zugleich Material geschaffen, das weiter genutzt werden kann.
Das Fazit: Der Bedarf ist größer als das Angebot. Fast 200 Anmeldungen für ein Spezialthema zeigen, dass FASD in der Fachpraxis angekommen ist, in den Strukturen aber noch nicht. Die Rechtsperspektive soll deshalb kein Einzelschwerpunkt bleiben, sondern in Folgeformate übergehen, in Handreichungen und Fortbildungen für Justiz und Jugendämter.
Text: Tobias Wolff, FASD-Fachzentrum Hamburg e.V.
